Vorfahrt für die Pony-Kutsche!

Wo bis vor kurzem Militärlaster das Straßenbild prägten, ziehen nun Ponys strahlende Kinder durchs Dorf. Das Leben in Lauchröden änderte sich am 23. Dezember 1989 schlagartig. Daran erinnern wir in diesen Tagen, bevor wir am kommenden Montag um 18.00 Uhr wieder das Brückenfest feiern. Wir hoffen auf viele Teilnehmer.

Die Ereignisse rund um die Lauchröder Brücke waren Thema meines Berichts für das Werraland-Heft des Werratalvereins im Frühjahr 1990. 30 Jahre danach ist er ein Zeugnis jener turbulenten Zeit der Veränderungen im Werratal. Deshalb soll er im Vorfeld der Feierlichkeiten hier im Wortlaut veröffentlicht werden.

Wenn Wunden Wunder werden …

Ein Bericht von Achim Wilutzky (Herleshausen), entnommen aus: DAS WERRALAND, WTV-Vereinszeitschrift, Heft I/1990

Markante Stellen gibt es ja deren bekanntlich sehr viele am gesamten Verlauf der innerdeutschen Grenze. Dazu gehört zweifelsohne auch jene schnurgerade Lindenallee, die seit uralten Zeiten die beiden Dörfer Herleshausen und Lauchröden verband. Nach knapp einem Kilometer Länge traf man am Ende dieses imposanten Lindenspaliers auf eine steinerne Brücke. Mit ihrer Hilfe war es ein Leichtes, die Werra zu überwinden, um von Hessen nach Thüringen zu gelangen.

Erbaut im Jahre 1898, diente die Brücke 47 Jahre lang diesem Zweck, bevor sie in den letzten Kriegstagen im April 1945 dem deutschen Rückzug zum Opfer fiel. Deutsche Truppen brachten Sprengladungen an und zwangen die Amerikaner dazu, die Brücke aus Sicherheitsgründen zu opfern, ehe sie mit einem Behelfssteg die Werra wieder passierbar machten. Wohl ganz im Sinne der folgenden politischen Entwicklung zeigte sich dann das Hochwasser dafür verantwortlich, dass diesem zweiten Übergang schon bald ein mitreißendes Ende gesetzt wurde. Nun klaffte also zwischen der letzten „Linde West“ und der ersten „Linde Ost“ endgültig eine tiefe Lücke, ausgefüllt mit den mahnenden Überresten des einstigen Bauwerkes.

Seitdem wurde das geografisch nördliche Werra-Ufer (politisch: das westliche) zu einem „Wallfahrtsort“ in Sachen Zonengrenz-Besichtigung: Zahlreiche Bustouristen aus dem In- und Ausland konnten hier dem Sozialismus ins stille Kämmerlein schauen, denn unmittelbar am anderen Ufer stehen die ersten Häuser von Lauchröden. Auch für einheimische Bürger war dieser „Anziehungspunkt Endstation“ immer wieder ein Ort von besonderer Bedeutung und ein beliebter Treffpunkt dazu. Ganz ohne ein mulmiges Gefühl konnte aber weder der betagte Zeitgenosse, für den ein Überschreiten der Werra früher eine Selbstverständlichkeit war, noch die junge Generation, die schließlich im Angesicht dieser makabren Trennungslinie aufgewachsen ist, an dem verschlossenen Tor zum Nachbarn stehen.

Endstation Lauchröder Brücke

So war es dann natürlich kein Wunder, dass nun im „Herbst der erfüllten Träume“, wie man die Zeit seit dem 9. November 1989 ohne Übertreibung nennen darf, auch hier die Hoffnung aufkeimte, endlich diese Narbe des letzten Krieges heilen zu sehen. Auf einmal schien der alte Gedanke von menschlicher Einheit im Werratal gar nicht mehr so unrealistisch, zumal das Wort „unmöglich“ in jenen Tagen ohnehin aus dem Geschichts-Vokabular gestrichen wurde.

Also begannen die Bürger auf beiden Seiten gleichermaßen für diese Idee aktiv zu werden. Am frühen Morgen des 25. November 1989 setzten die Lauchröder ein deutliches Zeichen, als sie den Wachturm auf den Brückentrümmern kurzerhand in eigener Regie abrissen und damit mehr als nur einen optischen Durchbruch zur Werra schafften. Im Gegenzug wollte am selben Tag auch das Volk von Herleshausen um die „T(h)ür ringen“ und organisierte seinerseits einen Demonstrationszug zur Werra. Dieser Tag der Solidarität legte ein klares Bekenntnis für eine neue Brücke und ein neues Miteinander ab, bezeugt durch die zahlreichen Menschen auf beiden Seiten der salzigen Fluten.

Jenen Wunsch drückten auch die Worte von Bürgermeister Uwe Hartmann (Herleshausen) und Pfarrer Dr. Klaus Fischer (Lauchröden) aus. Gemeinsam mit dem Lauchröder Bürgermeister Wolfgang Androszok leiteten sie die offiziellen Schritte für ein baldiges Gelingen des Vorhabens ein und ließen nicht eher locker, bis am 9. Dezember 1989 die frohe Kunde der Genehmigung mit einer „Freudens-Demonstration“ an üblicher Stelle gefeiert werden konnte, mit Posaunenklängen von hüben und drüben, die ein letztes Mal getrennt voneinander erklangen, bevor sie zwei Wochen später zur einheitlichen Harmonie werden sollten.

Es war noch nicht mal hell: Mit Blasmusik vorneweg ging´s über die neue Brücke nach Lauchröden.

Von dem nasskalten Wetter ließ sich am „Tag des Jahrhunderts“ zu früher Morgenstunde sicherlich keiner der ungezählten Menschen stören, die dabei sein wollten, wenn Wunder geschehen, um ihren persönlichen Eintrag ins Buch der Weltgeschichte an diesem 23. Dezember 1989 nicht zu versäumen.

Stark belastet vom Gewicht der dicht gedrängten Freiheits-Pilger bestand der in Rekordzeit errichtete Holzsteg an diesem Morgen seine Feuertaufe. In einem schier endlosen Strom ergoss sich die friedliche Hessen-Welle über das kleine 900-Seelen-Dörfchen am Fuße des Stechbergs, das jahrzehntelang hier in seinem „Freilicht-Gehege“ (Pfarrer Fischer) ein ungestörtes Sperrzonen-Dasein fristete. Dieser denkwürdige Tag muss jedem Lauchröder wie eine endgültige Befreiung vorgekommen sein. Dementsprechend waren sie auch vorbereitet und wollten es sich einfach nicht nehmen lassen, den eigenen Empfang in der Bundesrepublik mit dieser Revanche noch um Längen zu übertreffen. Mit einfachen Mitteln gelang es ihnen, während des ganzen Tages ein unvergessliches Volksfest aufzuziehen, ohne dass auch nur ein Bundesbürger einen Pfennig für Glühwein, Bier oder Bratwurst bezahlen musste.

„Für BRD-Bürger umsonst!“ …

… hieß die viel bestaunte Tageslosung, die, vereint mit der spürbaren Herzlichkeit der Gastgeber, auf jeden Brücken-Passanten einen tiefen Eindruck machte. Ob Karnevalsverein, Imker oder Kaninchenzüchter, alle hatten sich zur Begrüßung etwas einfallen lassen: Da wurden extra zwei Schweine geschlachtet, um die Verpflegung zu sichern; Blaskapellen spielten im ganzen Dorf, und für die Kleinsten stand die Kinderkrippe bereit.

Schon damals war klar, wer mal der Burgvogt werden sollte …

Eine historische Ausstellung mit einem anschaulichen Modell vermittelte Wissenswertes rund um die Brandenburg. Überhaupt zeigte sich zum Thema „Brandenburg“ bereits an diesem Tage die künftige Zusammenarbeit vom WTV Südringgau mit den Lauchröder Naturschützern, da man gemeinsam einen freiwilligen Brückenzoll zur Sanierung der alten Burganlage erhob, der von „originalen“ Rittersmännern kassiert wurde. Eine erfolgreiche Aktion.

So verflog der ganze, lang ersehnte Tag mit allerlei Kurzweil und Jubelfeiern bei zuletzt strahlendem Sonnenschein, nicht ohne am Abend eine gesellige Fortsetzung zu finden. In Anlehnung an ein sozialistisches Kampflied zog man sodann als „Brüder zur Sonne zum Freibier“; doch nicht nur in der „Sonne“, sondern auch in „Krone“, „Löwensaal“ und Jugendclub schlugen die Stimmungswogen verständlicherweise sehr hoch, bis man dann zum Tagesende nur noch feststellen konnte:

„Lange lebe unser freies Werratal – lang lebe der THÜ-RING-GAU!“

Fotos in der Bildergalerie von Helmut Schmidt, Klaus Gogler, Ralf Biehl, der Werra-Rundschau und Achim Wilutzky.

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