Fakten und Anekdoten aus dem alten Herleshausen

AK Stehender Festzug – Lebendige Dorfgeschichte(n)

Liebe Leserinnen und Leser,
das Festjahr – 1000 Jahre Herleshausen – neigt sich dem Ende zu. Viele Schätze unserer Gemeinde wurden zum stehenden Festzug präsentiert; mancher Schatz, der gehoben wurde, blieb aber in der ‚Schublade‘. Da die Adventszeit auch eine Zeit der Geschichten ist, möchte ich gerne einen Blick in solch eine Schublade bieten.

  • Gesundheitswesen im letzten Jahrhundert: Belohnung für die Pockenimpfung
    Dr. Marsch berichtet: Bei der Pockenimpfung von Leib- und Hofarzt Dr. Faustus wurden Brezeln verschenkt. Der Arzt ging später nach Bückeburg und behielt diese Geste bei. In Bückeburg wird heute noch zu seiner Erinnerung das Brezelfest gefeiert. Als später der Amtsarzt aus Eschwege nach Herleshausen zur Pockenschutzimpfung kam, durften bei dieser Impfung in der Gastwirtschaft die Mütter der Impflinge offiziell Schnaps trinken. Der Gang in die Wirtschaft war ansonsten für Frauen verpönt. Deshalb langte man hier ordentlich zu und trat danach „fröhlich“ den Heimweg an.
  • Nahezu eine ganze Häuserzeile 1845 in der Hintergasse abgebrannt
    Im Bericht von Otto Schwetzel ist zu lesen: Ein großes Schadenfeuer war am 13. September in der Mittagszeit in der Hintergasse ausgebrochen, die Feuerglocke rief die Einwohner zur Brandstelle. Betroffen waren: Zöller, Brack, Heinrich Herbigs Witwe, Rothschild, Schlägel und Mackenroth. Dieser Brand war der Anlass, ein durchorganisiertes Löschen zu planen. Bald darauf wurde die Feuerwehr gegründet.
  • Herleshäuser Kinder kommen pünktlich zur Schule
    Da viele Kinder häufig zu spät zur Schule kamen, stiftete Landgräfin Louise 1856 eine Schulglocke. Diese Glocke, die den Namen der Stifterin trägt, begleitet die Kinder damals wie heute mit ihrem Geläut auf dem Schulweg.
  • Bitte aus Amerika um eine Anzeige in der heimischen Zeitung
    Suche nach einem Schäfer aus Deutschland, der bereit ist, nach Amerika auszuwandern: Bezahlung das 10fache wie in Deutschland; wenn es nicht gefällt, wird nach 2 Jahren die Rückreise bezahlt. – (Brief von Wm Graefenstein, 1872)
  • Die Urgroßmutter des Georg Ludwig Braun – ein Herleshäuser Kind
    Die Urgroßmutter des Seniorchefs des Pharma- und Medizinbedarfs-Unternehmen, Georg Ludwig Braun, war die Tochter des Apothekers Kniep. Sie wuchs in Herleshausen auf und heiratete später den Apotheker Braun aus Melsungen. …und dann nahm alles seinen Lauf ….
  • Das ist mehr als Wasser
    Im Tagegraben, dem Feldweg hinter den Gärten und Feldern der Anlieger des Hainertors, gegenüber dem Zipfelhof, befindet sich angrenzend an Kutschers Wiesen, das immer rinnende Bullerbörnchen. Sechs Stufen führen hinab zu ihm. Aus einem Eisenrohr fließt ein Wasserstrahl, mehr oder weniger stark, je nach Jahreszeit und Niederschlägen. Das Wasser dieses Bullerbörnchens hat der Apotheker Kroeschell um 1915 aufgefangen und mit Soda versetzt. Dieses als ‚Heilwasser‘ deklarierte Apothekenwasser wurde erfolgreich für die Gesundheit verkauft. Nicht nur den Herleshäusern tat das Wasser gut, sondern auch dem Apotheker, da er seine Apothekerkasse prächtig füllen konnte. Er setze so viel ‚Heilwasser‘ um, dass er mit dem Ertrag einen Anbau an sein Haus bezahlen konnte, der die Apotheke stolz präsentierte.
Umbau der Apotheke im Hainertor
  • Arzt verbietet Platt zu sprechen:
    Dr. Emil Marsch empfiehlt seinen Patienten, mit den Kindern hochdeutsch zu sprechen, damit sie in der Schule insbesondere in der Rechtschreibung und in der Grammatik keine Schwierigkeiten bekommen. Folge dessen ist im westlichen Ortsbereich das Plattdeutsch innerhalb einer Generation nahezu verschwunden.
  • Mit vier Flaschen Wein brennende Scheune gelöscht
    Emil Kirchner, der damalige Verwalter des Gutshofes, zog beim Einzug der Amerikaner mit den Gutsarbeitern in den Wald zum Siegelshof. Ein deutscher Panzer war aber in der oberen Scheune versteckt und schoss aus seinem Unterstand auf die herannahende amerikanische Kolonne auf der Autobahn. Diese erwiderten sofort den Beschuss und die Scheune ging in Flammen auf. Emil Kirchner ritt zum Gutshof zurück und wollte das Feuer löschen, da sich ein Inferno anbahnte. Die Amerikaner verboten die Löscharbeiten und erst vier Flaschen Rotwein aus einem Versteck unter dem Kohlenhaufen konnten die Amerikaner „überzeugen“, die Löscharbeiten aufzunehmen. Nur die Scheune brannte ab. Sie wurde später wieder aufgebaut. Im angrenzenden Teil sind heute noch verkohlte Balken zu sehen.
  • Traueranzeige in Hungerzeiten (erdacht von Karl-Heinz Marsch, damals 13 Jahre alt)
Heute entschlief sanft, nach kurzem, mit Geduld ertragenem Leiden, unser innig geliebtes Brot im zarten Alter von 21/2 Tagen. Mit ihm verschied zu gleicher Zeit unser innig geliebtes letztes 1/8 Pfund Butter.
In tiefer Trauer und untröstlichem Schmerz:  
Heinrich Hunger und Frau, geb. Kartoffelknapp
Martin Hunger u. Frau, geb. Fettlos
Anneliese Kohldampf, geb. Hunger
Marianne Fleischlos als Braut
Bad Elend im Kalorienjahr 1946, Steckrüben-Allee 13
Etwaige Brotspenden bitten wir im Trauerhaus abzugeben.
  • „Kirchen-August“ wird 70 – Diesen Zeitungsartikel fand Irene Göpel in einem alten Gesangbuch von Heinrich Göpel:
    Unter herzlicher Anteilnahme der ganzen Gemeinde begeht morgen in Herleshausen „Kirchen-August“ seinen 70. Geburtstag. Er wird es der Zeitung nicht verübeln, wenn sie ihn bei dem Namen nennt, unter welchem er bei allen Herleshäusern als guter Geist und Betreuer ihrer Kirchenuhr bekannt ist. Denn seit annähernd 30 Jahren sorgt August Knierim dafür, daß der große Zeiger immer um 2 Minuten der Radio-Zeit voraus ist, damit niemand zu spät zur Arbeit kommt oder in der guten alten Zeit, als am Herleshäuser Bahnhof noch Züge hielten, nur ein ausgesprochener Bummelant den Zug verspäten konnte. Auf August Knierims Anregung hin erhielt die Kirchenuhr das zweite, nach Osten zeigende Zifferblatt.
    Und welcher Kirchenbesucher möchte im Winter den Hauch wohltuender Wärme missen, der ihm seit fast 20 Jahren beim Betreten der Kirche entgegenschlägt! Auch hier ist August Knierim seit Bestehen der Kirchenheizung gewissenhaft am Werke und sorgt sparsam und zuverlässig dafür, daß sich das aufgeschlossene Gemüt nicht unter der Kälte verkrampft oder der Organist wegen klammer Finger kaum die Tasten fühlt. So war es nämlich einst, und wer diese Zeiten noch kennt, wird unserem Geburtstagskind gegenüber mit besonders dankbarem Herzen seine Glückwünsche aussprechen. Möge August Knierim sich noch lange Jahre seiner guten Gesundheit erfreuen und ihm weiterhin eine gesegnete Arbeit als Kirchenältester und Hüter unserer altehrwürdigen Burgkirche vergönnt sein.
  • Lückenschluss zwischen OST und WEST geglückt
    Der Schotter unter den Gleisen der Bahn wurde bei der Grenzöffnung abtransportiert, um die Wege gen Osten/Westen wiederherzustellen. Als die Bahn reaktiviert wurde, fehlte daraufhin zunächst der Lückenschluss.

Mit stets einer Prise Menschlichkeit, der nötigen Phantasie und dem Wissen, wo der benötigte ‚Schotter‘ zu holen ist, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern eine ruhige und besinnliche Adventszeit.

Anette Wetterau

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