Sowjetische Kriegsgräberstätte

„Mir ist, als ob mein Onkel von den Toten wieder auferstand wäre …“

… schreibt Arutyun Gasparyan aus Rostow am Don beim Anblick des Fotos seines Onkels Ferdinand, dessen Grab er 2015 durch eine Anfrage über die Botschaft der russischen Föderation (Berlin) in Herleshausen gefunden und 2016 besucht hat. Rechtzeitig zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa hat er nun endlich auch ein Foto seines Onkels entdeckt und es dem Herleshäuser Archiv zur Verfügung gestellt. Es war am 9. Mai in der 50. Grabreihe auf dem hiesigen Soldatenfriedhof als „Neues Gesicht“ zu sehen. Arutyun Gasparyan hat nicht nur das Grab mit dem Namen, sondern nun auch ein Gesicht von seinem Onkel.

Das in Herleshausen neu gestaltete Namensschild für Ferdinand hat – wie man sehen
kann – Arutyun für sein Plakat übernommen, das er am 9. Mai im Festumzug seines Heimatortes mit berechtigtem Stolz tragen wollte. Schließlich gehört auch Onkel Ferdinand zum „Unsterblichen Regiment“, für das man jetzt am Wolgabogen bei Rschew (dort blieb Fritz Landefeld aus Herleshausen verschollen) ein monumentales Denkmal von 25 m Höhe errichtet hat. Das neue Denkmal symbolisiert einen Sowjetsoldaten, den Kraniche sozusagen in den Himmel tragen. Das dazu gehörige Lied „Kraniche“, dass man sich auch auf der Homepage der Gemeinde Herleshausen (Rubrik: Sowjetische Kriegsgräberstätte) anhören kann, ist vergleichbar mit dem deutschen Lied vom „guten Kameraden“.

Das Kranich-Lied erklang am 9. Mai auch auf dem Herleshäuser Soldatenfriedhof, zweisprachig intoniert von einer Abordnung der Brüder-Grimm-Schule in Eschwege, die in partnerschaftlicher Verbindung zu einer Schule in Uljanowsk an der Wolga (rd. 800 km östl. von Moskau) steht. Am Grab des aus Uljanowsk stammenden Serafim Rosow in der 24. Reihe legten sie ihre Blumen nieder. Überhaupt war – trotz der wegen der Corona-Pandemie abgesagten offiziellen Gedenkfeier – über das Wochenende verteilt reger Besuch auf dem Soldatenfriedhof. Schon am Freitag rückten einige Helfer/innen aus der Region mit Besen und Handwerkszeug ausgerüstet an, um am ohnehin durch Einsatz des Herleshäuser Bauhofes gepflegten Friedhof noch letzte Hand anzulegen. Als die von Manfred Müller geschaffenen neuen Bilderhalter an Gräbern aufgestellt wurden, zu denen Kontakt zu Angehörigen in den ehemaligen SU-Staaten besteht, waren bereits etliche Blumen verteilt.

Viele Besucher aus dem Kreisteil Eschwege, aber auch Gäste mit Autokennzeichen aus dem Wartburgkreis und Eisenach bis hin nach Fulda, Marburg und Schwalm-Eder-Kreis, besuchten über das Wochenende verteilt die weitläufige Anlage, so dass es keine Probleme mit den Abstandsregeln gab. Manch interessantes Gespräch wurde dennoch geführt und Erinnerungen an frühere Begegnungen ins Gedächtnis gerufen.

Wegen der Corona-Pandemie wurde in Russland alle am 9.5. geplanten Veranstaltungen (inkl. Einweihung des Denkmals in Rshew) zunächst auf September verschoben. Darüber ist nicht nur Arutyun Gasparyan traurig, sondern fast alle Angehörigen, die natürlich informiert waren, dass man in Herleshausen „private Spaziergänge“ über den Soldatenfriedhof erlaubt hatte. Deshalb waren viele sicher in Gedanken dabei, denn der 9. Mai ist der „wichtigste“ Feiertag in den heutigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, ein „Feiertag mit Tränen in den Augen“, wie es in einem Lied besungen wird. Man feiert den Sieg über das Nazi-Regime und erinnert an rd. 25 Mio. Kriegstote, die allein in der Sowjetunion zu beklagen waren.

Alle bekannten Angehörigen der Toten in Herleshausen haben inzwischen per Mail einen kurzen Bericht mit Foto vom geschmückten Grab und vom Grab-Bild erhalten. Stimmen dazu: „Danke, dass Ihr die Erinnerungen an unsere Soldaten bewahrt, wir sind tief berührt. Wir warten auf Ihre Briefe … – … Dank für das Foto, es war, als wäre ich mit Ihnen am Grab meines Vaters gewesen … – … Ich bin sehr berührt von Ihrer Aufmerksamkeit und Fürsorge. Was Sie für die Erinnerung an die toten Soldaten tun, kann nicht bewertet werden … –… Vielen Dank und den tiefsten Respekt für Ihre Arbeit und Erinnerung, die Sie unseren Lieben zeigen! Gesundheit für Sie und alle, die Ihnen helfen!“
Der Dank der Angehörigen wird gerne auf diesem Wege an alle weitergegeben, die die Gräber der hier verstorbenen Kriegsgefangenen zum 9. Mai mit Blumen geschmückt haben.

von Helmut Schmidt

(1) Brigitte Schmidt (Lauchröden) mit Tochter und Enkelin am Grab von Peter A. Prjachin. Am 8. Mai 2015 nahm sie an gleicher Stelle Nina Petrowna Chumakova aus Moskau in den Arm. Beide haben im Krieg ihre Väter verloren.
(2) Letzte Verschönerungen vor dem Gedenktag. Danke an die fleißige Gruppe um Elena Lotz.
(3) Die Abordnung der Brüder-Grimm-Schule aus Eschwege am Grab von Serarim Rosow, gebürtig aus Uljanowsk.
(4) Familie Baumbach stellte eine neue Blumenschale am Denkmal für die 38 Kriegsgefangenen auf, die vor 1942 hier in einem Arbeitslager gestorben sind. (-hs-)

Bildergalerie -awy-

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