Lebendige Dorfgeschichte(n)

Lebendige Dorfgeschichte(n) – was verbirgt sich hinter diesem Titel? Die Initiatoren des Stehenden Festzuges wollen in den folgenden Wochen Einblicke in die Arbeit der verschiedenen Arbeitsgruppen geben.

Am vergangenen Samstag war ein achtstündiges Treffen der Arbeitsgemeinschaft Auswanderer, die sich aus Personen aus Herleshausen, Eschwege, Gau-Algesheim und Manila zusammensetzt, im Alter von 23 bis 87 Jahren.

Wie kam es zu dieser AG? Angefangen hat alles damit, dass im Hinblick auf die 1 000-Jahr-Feier der Country-Club im Sommer 2017 im Südringgauboten aufrief, dass diejenigen, die in ihrer Familiengeschichte Auswanderer haben, sich bitte melden mögen. Dies tat Michael Dach und ging dann selbst in die Spur und konnte ein Kästchen mit 150 Jahre alten Briefen und Fotos der Gräfensteins ausfindig machen.

alte Briefe

Von da an war die Großfamilie gefragt, zunächst die Herleshäuser. Elisabeth Baum schrieb sämtliche Briefe aus dem Altdeutschen in lateinischer Schrift ab. Dies funktionierte teilweise nur mit gutem Licht und Lupe. Intensiv überlegte sie, was sie von ihrer Mutter dazu noch wusste. Kirchenbücher wurden gesichtet, Kontakte nach Oberellen, Herbsleben und Ifta aufgenommen, wohin Spuren führten. Rolf Dach übernahm die Nachforschungen deutschlandweit und Christoph Müller nahm Kontakt in den USA auf, unter anderem zur Historical Society in Emporia, wo er in den Archiven nachforschen ließ. Letztes Frühjahr war er selbst im Mittleren Westen, hat relevante Stellen wie die Ruinen des ehemaligen Farmhauses aufgesucht, ein Treffen der Gräfenstein-Nachkommen organisiert und deren Geschichten erfahren. Die dortige Lokalpresse berichtete darüber.

Seit Sommer 2017 werden reichliche Informationen zusammengetragen und in regelmäßigen Treffen bei Wetteraus in der Nordstraße ausgetauscht. Mittlerweile entsteht ein spannendes Buch mit ca. 180 Seiten. Es wird berichtet, dass 1858 der 18jährige Wilhelm Gräfenstein nach Amerika auswanderte und neun Jahre später sein Bruder Friedrich mit Frau und drei Töchtern nachzog. Eine Tochter kam wieder zurück und heiratete den Lehrer Karl Schaub. Ihr Wohnhaus in Ifta wird heute noch das Schaub‘sche Haus genannt. Zwei Schwestern der Auswanderer blieben in Herleshausen, Christiane Gräfenstein heiratete Simon Schaub aus Obersuhl und lebte im Hainertor, Schwester Johanna war mit Heinrich Steinmetz verheiratet und lebte in der Gartenstraße.

William und Fred Grafenstein, wie sie sich die Brüder fortan nannten, berichten in ihren Briefen von ihrem Ankommen in der Neuen Welt, von der rasanten Entwicklung der Städte, ihren Erfolgen als Metzger und ihrer Pionierarbeit als Farmer, aber auch von ihren persönlichen Höhen und Tiefen.

Der Grabstein für Friedrich, Martha und Luise Gräfenstein ist heute noch auf dem Crown Hill Cemetery in Indianapolis zu sehen. Die Inschrift einer Seite des Gedenksteins lautet:

FRIEDRICH GRAFENSTEIN
GEB. IN HERLESHAUSEN BEI EISENACH 10. JUNI 1834
GEST. 20. MAI 1890

Es ist geplant, dass William Grafensteins Nachkommen demnächst eine Gedenktafel an seiner Grabstätte auf dem Historic Union Cemetry Kansas City aufstellen. Gewartet wird dort schon auf die Geschichten dazu, die man Touristengruppen erzählen möchte.

Werner Mißler gestattet, dass die von Stefan Baum erarbeitete Infotafel am ehemaligen Geburtshaus der Brüder, in der Borngassse aufgestellt wird, es war einst das Wohnhaus des Landgräflichen Schafmeisters Johann Daniel Gräfenstein. Die AG Puppenbauerinnen gestalten eine lebensgroße Puppe, die den ziehenden Wilhelm Gräfenstein darstellen soll, zu sehen zum stehenden Festzug am 2. Juni 2019 am Eingang der Borngasse.

Da es vor rund 150 Jahren eine Auswanderungswelle nach Amerika gab, die Gräfenstein-Brüder sind nur ein Beispiel dazu, wird es im Saal des DGH die Ausstellung geben: „Heimat ade – Amerika ruft“, erarbeitet von Oberstufenschülern des Gymnasiums Bad Langensalza in Zusammenarbeit mit der Universität Jena. Die Wanderausstellung für Museen wird dann über vier Wochen in Herleshausen zu sehen sein.

Anette Wetterau

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